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Ein neues Kapitel für die internationale Schiedsgerichtsbarkeit: UK Arbitration Act 2025

  • 4. November 2025
  • Kategorie: Aktuelles, Rechtliches, Verfahren

Ein neues Kapitel für die internationale Schiedsgerichtsbarkeit: UK Arbitration Act 2025

Am 1. August 2025 ist im Vereinigten Königreich das neue Arbitration Act 2025 in Kraft getreten, eine Reform, die mit Spannung erwartet wurde. Sie ersetzt den seit 1996 geltenden Rechtsrahmen und bringt eine Reihe von Neuerungen, die darauf abzielen, internationale Schiedsverfahren effizienter, transparenter und rechtssicherer zu gestalten. Unternehmen, die London als Schiedsort wählen, können nun von einem modernisierten Regelwerk profitieren, das die Attraktivität des Vereinigten Königreichs im globalen Wettbewerb der Schiedsinstitute weiter stärkt.

Klarheit bei der Rechtswahl

Einer der meistdiskutierten Punkte betrifft die Rechtswahl in Schiedsklauseln. Bislang führte die Rechtsprechung, etwa das Urteil Enka v Chubb, zu Unsicherheiten darüber, welches Recht im Zweifel auf die Schiedsvereinbarung anwendbar ist. Der neue Act schafft Klarheit. Künftig gilt das Recht des Schiedsorts, sofern die Parteien nichts anderes vereinbart haben. Das bedeutet, dass ein Vertrag, dessen Hauptteil deutschem Recht unterliegt, aber ein Schiedsverfahren in London vorsieht, wird in Bezug auf die Schiedsvereinbarung englischem Recht folgen, außer die Parteien regeln es ausdrücklich anders. Für Unternehmen bedeutet dies, dass präzise Formulierungen in Schiedsklauseln sind wichtiger denn je.

Mehr Effizienz durch summarische Abweisungen

Ein weiterer zentraler Baustein ist die Möglichkeit für Schiedsgerichte, offensichtlich unbegründete Ansprüche oder Verteidigungen frühzeitig abzuweisen. Dieses Instrument, vergleichbar mit dem „summary judgment“ englischer Gerichte, ermöglicht es, Verfahren zu beschleunigen und taktischen Verzögerungen entgegenzuwirken. Die Bestimmung ist jedoch nicht zwingend. Parteien können sie ausschließen oder durch eigene Regelungen ersetzen. Für Unternehmen bietet dies die Chance, Verträge strategisch so zu gestalten, dass schwache Positionen nicht erst langwierig ausverhandelt werden müssen.

Stärkere Rolle von Notfallschiedsrichtern und staatlichen Gerichten

In einer zunehmend globalisierten Geschäftswelt sind schnelle Entscheidungen oft entscheidend. Der neue Act erkennt Emergency Arbitrators gesetzlich an und stärkt damit ihre Rolle. Hinzu kommt eine erweiterte Unterstützung durch staatliche Gerichte, die nun auch Maßnahmen gegen Dritte anordnen können. Ein bedeutender Fortschritt, etwa wenn es um Sicherungsmaßnahmen gegenüber nicht direkt beteiligten Akteuren geht. Damit wird das Zusammenspiel zwischen Schiedsgericht und staatlicher Gerichtsbarkeit neu austariert, ohne die Eigenständigkeit des Schiedsverfahrens zu gefährden.

Schiedsrichterpflichten und -schutz

Schiedsrichter genießen künftig eine gestärkte Immunität, solange sie nicht bösgläubig handeln. Gleichzeitig wurden ihre Offenlegungspflichten verschärft. Sie müssen mögliche Interessenkonflikte offenlegen, um die Unabhängigkeit des Verfahrens sicherzustellen. Für Unternehmen erhöht dies die Transparenz und das Vertrauen in die Unparteilichkeit der Entscheidungsträger. Ein Aspekt, der in hochsensiblen internationalen Streitigkeiten von erheblicher Bedeutung ist.

Begrenzung von Zuständigkeitsanfechtungen

Auch das Verfahren zur Überprüfung der Zuständigkeit wurde reformiert. Neue Beweise oder Argumente sind bei gerichtlicher Anfechtung nur noch eingeschränkt zulässig. Damit wird verhindert, dass Verfahren durch immer neue Einwendungen künstlich in die Länge gezogen werden. Für die Praxis bedeutet dies: weniger taktische Manöver, mehr Rechtssicherheit.

Chancen und Herausforderungen für Unternehmen

Mit dem Arbitration Act 2025 positioniert sich London erneut als führender Schiedsort weltweit. Für Unternehmen, die in internationalen Märkten tätig sind, ergeben sich daraus klare Vorteile: mehr Vorhersehbarkeit, schnellere Verfahren und ein rechtssicherer Rahmen. Gleichzeitig steigt aber auch der Druck, Schiedsklauseln noch präziser zu formulieren und die neuen Optionen, wie summarische Abweisungen, bewusst zu gestalten. Wer dies versäumt, könnte sich später in einem weniger günstigen Verfahren wiederfinden.

Mehr als nur ein juristisches Update

Die Reform ist mehr als eine technische Anpassung. Sie signalisiert, dass London seinen Platz für internationale Streitbeilegung verteidigen will und das gerade in Zeiten, in denen andere Standorte wie Singapur, Paris oder Stockholm um dieselbe Rolle konkurrieren. Der UK Arbitration Act 2025 macht Schiedsverfahren in London für Unternehmen attraktiver, effizienter und rechtssicherer. Vorausgesetzt, man nutzt die neuen Gestaltungsspielräume klug.

Und in Deutschland?

Auch in Deutschland stellt sich die Frage, wie wettbewerbsfähig der Standort im Bereich der internationalen Schiedsgerichtsbarkeit im Vergleich zu anderen führenden Schiedsorten bleibt. Während der UK Arbitration Act 2025 London mit wesentlichen Neuerungen modernisiert und strategisch im globalen Wettbewerb stärkt, bleibt es für Deutschland entscheidend, ähnliche Ansätze zu prüfen, um seine Position zu behaupten.

Der deutsche Schiedsort, insbesondere die Institutionen wie das DIS (Deutsche Institution für Schiedsgerichtsbarkeit), zeichnet sich bereits durch hohe Standards aus. Dennoch könnten die Entwicklungen in Großbritannien einen gewissen Modernisierungsdruck erzeugen. Insbesondere die Einführung effizienter Mechanismen zur summarischen Abweisung unbegründeter Ansprüche oder die Festigung der Rolle von Notfallschiedsrichtern sind Beispiele für Regelungen, die auch in Deutschland diskutiert werden dürften.

Darüber hinaus zeigt der Ansatz des UK Arbitration Act zur Klarstellung der Rechtswahl, wie wichtig präzise Regelungen in Schiedsvereinbarungen sind. Dies betrifft deutsche Unternehmen im besonderen Maß, da sie in einer globalen Wirtschaft oft mit internationalen Partnern Verträge abschließen, die nicht dem deutschen Recht unterliegen. Daher bedarf es hier intensiver Beratung, um potenzielle Risiken zu minimieren.

Abschließend lässt sich feststellen, dass Deutschland im Bereich der internationalen Schiedsgerichtsbarkeit weiterhin mit Herausforderungen und internationalen Konkurrenten konfrontiert ist. Eine ständige Evaluierung der bestehenden rechtlichen und institutionellen Rahmenbedingungen ist essenziell, um nicht ins Hintertreffen zu geraten. Gleichzeitig bietet die deutsche Position als führender Wirtschaftsstandort – in Kombination mit einer starken rechtlichen Basis – ausgezeichnete Chancen, auch weiterhin ein relevanter Akteur im globalen Schiedsmarkt zu bleiben. Und nicht nur im Schiedsmarkt: Die unterschiedlichsten Konflikte haben unterschiedlichste Konfliktlösungsverfahren verdient – drum prüfe, bevor sich lange streitet.

AutorOliver Boltze • CenaCom
Rechtsanwalt und Wirtschaftsmediator mit Schwerpunkt auf Compliance, Geldwäscheprävention, ESG und nachhaltiger Unternehmensführung.

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