Gerichtliche Gutachten: KI-Nutzung führt zu Vergütungsausfall
- 23. Februar 2026
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Die Integrität von Entscheidungsgrundlagen bildet das Fundament jedes rechtsstaatlichen Verfahrens. Werden Tatsachenfeststellungen auf eine unzuverlässige Basis gestellt, ist der angestrebte Rechtsfrieden dauerhaft gefährdet. Ein aktueller Beschluss des Landgerichts Darmstadt verdeutlicht nun mit bemerkenswerter Konsequenz, dass die Delegation gutachterlicher Kernaufgaben an Künstliche Intelligenz (KI) ohne entsprechende Offenlegung zum vollständigen Verlust des Vergütungsanspruchs führt.
Wenn die Expertise zur Illusion wird
In einem beim Landgericht Darmstadt geführten Zivilprozess wurde ein Medizinprofessor als Sachverständiger mit der Erstellung eines medizinischen Gutachtens beauftragt. Für seine Bemühungen stellte dieser eine Vergütung in Höhe von 2.374,50 Euro in Rechnung. Das Gericht versagte die Festsetzung dieser Summe jedoch im Rahmen des Vergütungsfestsetzungsverfahrens vollumfänglich (Beschl. v. 10.11.2025, Az. 19 O 527/16).
Die Ablehnung gründete auf massiven Zweifeln an der Urheberschaft und der Qualität der eingereichten Arbeit. Der Sachverständige hatte es versäumt, die Klägerin persönlich körperlich zu untersuchen, eine Grundvoraussetzung für die geforderte medizinische Tatsachenfeststellung. Statt fundierter Begründungen lieferte das Dokument lediglich knappe Antworten auf die gerichtlichen Fragestellungen. Als das Gericht um Präzisierung bat, blieben die Reaktionen ausweichend und unzureichend. Das Landgericht gelangte schließlich zu der Überzeugung, dass der Text maßgeblich durch eine Künstliche Intelligenz generiert wurde.
Identifikation technologischer Muster in der Begutachtung
Das Landgericht Darmstadt legte in seiner Begründung detailliert dar, anhand welcher Merkmale die KI-Urheberschaft identifiziert wurde. Das Gericht erkannte typische sprachliche und strukturelle Muster, die für aktuelle Sprachmodelle charakteristisch sind:
- Satzbau und Redundanz: Eine auffällige Häufung identischer Wortwiederholungen sowie eine monotone Satzstruktur, die fast ausschließlich aus Hauptsätzen mit gleichförmigen Satzanfängen bestand.
- Formale Ungereimtheiten: Der Sachverständige nannte sich im Gutachten selbst mit vollständiger Anschrift innerhalb des Fließtextes, was für einen menschlichen Autor unübliches Verhalten in diesem Kontext ist.
- Artefakte der Promptbearbeitung: Besonders schwerwiegend wogen Formulierungen, die sich wie die schriftliche Beantwortung einer Nachfrage lesen ließen, ob ein vorangegangener Prompt (Befehl) korrekt ausgeführt wurde. Solche textlichen Relikte deuten auf eine mangelnde redaktionelle Kontrolle des KI-Outputs hin.
Diese kumulierten Mängel führten dazu, dass das Gericht den Eigenanteil des Sachverständigen als nicht feststellbar oder allenfalls marginal einstufte.
Die rechtliche Einordnung
Rechtlich stützt sich die Entscheidung auf eine strikte Auslegung des Zivilprozessrechts. Gemäß der Zivilprozessordnung (§ 407a Abs. 1 S. 2 ZPO) ist ein Sachverständiger verpflichtet, offenzulegen, wenn er nicht in der Lage ist, die Begutachtung allein durchzuführen oder wenn er sich der Hilfe Dritter bedient. Das Gutachten muss grundsätzlich persönlich errichtet werden (§ 407a Abs. 3 ZPO).
Wird ein Gutachten unter Verstoß gegen diese Pflichten nicht persönlich erstellt, wobei die Künstliche Intelligenz hier rechtlich wie ein nicht offengelegter dritter Autor behandelt wird, ist es im Prozess unverwertbar. Die Konsequenzen für die Vergütung ergeben sich aus dem Justizvergütungs- und -entschädigungsgesetz (§ 8a Abs. 2 JVEG). Demnach ist eine Leistung nur insoweit abrechenbar, als sie verwertbar bleibt. Da das Landgericht die Verwertbarkeit aufgrund der fehlenden Untersuchung und der generierten Inhalte vollständig verneinte, wurde der Anspruch konsequent auf 0 Euro gekürzt. Darüber hinaus greift das Justizvergütungs- und -entschädigungsgesetz (§ 8a Abs. 2 S. 1 Nr. 2 JVEG) für den Fall mangelhafter Leistungen. Die Unterlassung der körperlichen Untersuchung bei einem medizinischen Fachgutachten stellt einen solch fundamentalen Mangel dar, dass das Ergebnis für die richterliche Beweiswürdigung wertlos wird.
Die Bedeutung für die außergerichtliche Konfliktbeilegung
Obwohl die Entscheidung im Rahmen eines staatlichen Gerichtsverfahrens erging, sind die Implikationen für die Mediation und andere Formen der Streitbeilegung immens. Auch in der Mediation bilden Gutachten oft die objektive Klammer, um komplexe Sachverhalte für beide Parteien greifbar zu machen. Werden Tatsachen anerkannt oder Entwicklungsprozesse auf Basis von Expertenwissen bewertet, muss diese Expertise auf einer validen Methode und persönlicher Verantwortung beruhen.
Ein Gutachten, das lediglich die Rechenleistung einer Künstlichen Intelligenz widerspiegelt, ohne dass ein menschlicher Experte die Validierung und Haftung übernimmt, untergräbt das Vertrauen der Beteiligten. In einem Konsensverfahren, das auf Freiwilligkeit und Transparenz beruht, würde eine solche Vorgehensweise die gesamte Einigung ihrer Glaubwürdigkeit berauben und den mühsam erarbeiteten Rechtsfrieden gefährden.
Professionalität im digitalen Wandel: Ein Warnsignal
Der Fall Darmstadt steht nicht isoliert da. Bereits in der Vergangenheit fielen Rechtsanwälte negativ auf, die Schriftsätze ungeprüft von KI-Modellen fertigen ließen. So rügte das Amtsgericht Köln bereits im vergangenen Jahr ein solches Verhalten scharf. Die Rechtsfindung werde erschwert, unkundige Leser würden in die Irre geführt und das Ansehen des Rechtsstaates sowie der Anwaltschaft werde empfindlich geschädigt.
Sowohl für Sachverständige als auch für Rechtsvertreter gilt, dass der Einsatz technologischer Hilfsmittel nicht von der persönlichen Verantwortung für den Inhalt entbindet. Künstliche Intelligenz kann als Werkzeug zur Strukturierung oder Recherche dienen, darf jedoch niemals die fachliche Analyse und die persönliche Wahrnehmung ersetzen.
Bedeutung für die Praxis
Die Entscheidung des Landgerichts Darmstadt ist als deutliches Signal zur Qualitätssicherung im Sachverständigenwesen zu verstehen. Professionelle Akteure müssen sich darauf verlassen können, dass Expertise persönlich erbracht und verantwortet wird. Für Auftraggeber von Gutachten, ob staatliche Stellen, Unternehmen oder Privatpersonen, bedeutet dies eine geschärfte Aufmerksamkeit gegenüber formalen und inhaltlichen KI-Indikatoren.
Echte Professionalität zeichnet sich im Zeitalter der Digitalisierung mehr denn je durch Transparenz und die unersetzbare menschliche Fachkompetenz aus. Nur auf dieser Basis lassen sich Konflikte nachhaltig lösen und Ergebnisse erzielen, die einer rechtlichen und wirtschaftlichen Nachprüfung standhalten.
Quelle: LTO, Für ein KI-generiertes Gerichtsgutachten gibt es kein Geld, 06.01.2026
Alternative Streitbeilegung

Mediationsverfahren
Mediation ist darauf ausgelegt, Konflikte zügig und direkt zu lösen.







